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Umgang mit Politikartikeln in Wikipedia

30. September 2009

Dies ist kein Blogbeitrag über den unsäglichen Spamwebwahlkampf der Piraten, der – hätte ihn eine andere Partei geführt – ob der Methoden und des Auftretens vieler Piratenmitglieder und Sympatisanten, welches on- wie offline immer mehr Der Welle glich, zu einem furiosen Aufschrei der Piraten geführt hätte.

Mir geht es vielmehr um die Frage, ob und wenn ja wie man in Wikipedia zukünftig unmittelbar vor einer (Parlaments-)Wahl mit umstrittenen Artikeln zu politischen Themen umgeht.

Bislang gibt es bei heftigen Edit-Wars zumeist den Modus, dass ein Administrator den Artikel auf eine Version seiner Wahl zurücksetzt (oft eine vor dem Streit, sofern erkennbar), mit einem Neutralitätswarnhinweis kennzeichnet und zeitlich befristet sperrt, damit die Kontrahenten sich erst einmal auf der Diskussionsseite austauschen und einigen müssen. Natürlich ist eine solchermaßen festgepinnte Artikelversion für mindestens eine beteiligte Seite immer die falsche Version. Bei Artikeln über lebende Personen hat sich aufgrund des notwendigen Schutzes der Persönlichkeitsrechte eine etwas abweichende Herangehensweise etabliert: Kontroverse Inhalte werden bei Konflikten viel eher temporär entfernt und der Artikel auf einer „entschärften“ Version gesperrt, bis sich der Pulverdampf zumindest etwas gelegt hat und mehr Klarheit darüber besteht, was in welcher Form im Artikel Erwähnung finden muss.

Bei Artikel zu politischen Parteien bspw. besteht für die Betroffenen zwecks Wählerstimmengewinnung ein Anreiz zumindest bis zum Wahltag möglichst positiv dort wegzukommen, also zum Einen missliebige Informationen rauszuhalten und zum anderen für sie günstig erscheinende Dinge bevorzugt hineinzubekommen. Soweit so „normal“. Sollte nun aber ein Parteiartikel aufgrund eines Edit-Wars vor der Wahl auf einer Version festgepinnt werden, welche kein ausgewogenes Bild rund um Personen, Ereignisse, Skandale usw. zu dieser Partei zeichnet, so hat einer der Kontrahenten aufgrund der zeitlich beschränkten stark erhöhten Zugriffszahlen und den eventuellen Einflüssen auf das Wahlverhalten einen unangemessenen Vorteil. Auch übliche Warnhinweise wie die Neutralitätswarnung helfen gerade bei „Aufregerthemen“ und den damit einhergehenden Denkschemata (auch der Leser) nur bedingt weiter.

Natürlich hat man mit dem Einwand recht, dass Wikipedia (wie jede andere Informationssammlung auch) stets mit gesunder Skepsis gelesen und niemals alleinig konsultiert werden sollte. Von daher kann man auf den Gedanken kommen, dass man keine Verantwortung für die Folgen auf „dumme“ Leser zu übernehmen brauche. Wikipedia legt aber auch großen Wert auf die Qualität seiner Artikel und sich wie Pontius Pilatus zum neutralen Beobachter zu erklären, den alles andere nichts anginge, ist auch eine allzu leichtfertige Position, welche den Zielen der Wikipedia nur schaden kann.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf hatte ich zunächst auf der Diskussionsseite des Artikels zur Piratenpartei eine Quellenliste kritischer Sichten zur Einarbeitung für andere Autoren vorgeschlagen. Ich wollte dies nicht selbst tun, da ich mich aufgrund meiner stark ablehnenden Haltung zu dieser Partei als nicht geeignet empfand. Ein anderer Autor regte daraufhin an, dass im Gegenteil eher weitere aufgebauschte Themen aus dem Artikel herausgenommen werden sollten, bis sich auf der Diskussionsseite ein Kompromiss abzeichnet, was wirklich erwähnenswert für den Artikel ist.

Da bis zum Bundestagswahlsonntag am 27. September keine realistische Überarbeitung für die Piraten sowohl positiv als auch negativ erscheinender Kontroversen möglich war, wollte ich daher bis dahin wenigstens eine Artikelversion haben, die zwar nicht neutral aber wenigstens nicht allzu selektiv-manipulativ auf den Leser wirkt. Auch weil ich in diesem Artikel bis dahin nichts bearbeitet hatte und somit kein Konfliktbeteiligter war, griff ich den Vorschlag auf und verschob in dem in der Zwischenzeit aufgrund Edit-Wars schreibgeschützten Artikel eine Passage zu einem Parteimitglied dieser Partei, welches die Partei meines Erachtens unangemessen in ein besseres Licht rücken sollte, mit einer (notwendigen) Begründung auf die Diskussionsseite.

Dies wurde mir jedoch leider als Vandalismus etc. ausgelegt und prompt revertiert. Ich meine, dass dies in diesem Fall eine zu reflexhafte Handhabung einschlägiger Regeln, wie der Vandalismusregelungen war (abgesehen davon, dass Vandalismus i.d.R. keine Begründung beeinhaltet) und empfinde in sehr gut (!) begründeten Fällen das Ignorier-alle-Regeln-Prinzip nach wie vor eminent wichtig, um flexibel und angemessen (re-)agieren zu können.

Ich bin daher der Ansicht, dass der von mir eingeschlagene Weg, noch nicht langfristig gesetzte heiß umkämpfte „Aufregerthemen“ in Politikartikeln vor Wahlen nur sehr restriktiv aufzunehmen und auch (mindestens) temporär zu entfernen, der richtige ist, um Tempo aus der Sache zu nehmen und dem Qualitätsanspruch der Wikipedia gerecht zu werden.

Relevanz ist irrelevant

4. Oktober 2007

Warum Relevanzkriterien die Wikipedia nicht vor Schrott bewahren und eine Qualitätsbremse in Wikipedia sind… Und warum diese Kritik dennoch kein „Löschadminbashing“ ist.

Wie es dazu kam

Mit dem Erfolg der Wikipedia kamen die unvermeidlichen professionellen Web-2.0-Werbeplatzbesetzer, die Fans vollkommen unbekannter Popsternchen und die Missionare, die ihre einzig wahre Wahrheit der Welt verkündigen müssen. Die schieren Menge solcher Werbeartikel, die täglich reinkam, erforderte radikale Maßnahmen: Nämlich aggressives Löschen, wollte man nicht Wikipedia zu MySpace verkommen lassen.

Um den immer wieder aufkommenden Debatten einen Riegel vorzuschieben, aber auch weil einige elitäre Schlauberger „Enzyklopädie“ als Synonym zu „Brockhaus“ sehen (übrigens entgegen den Gerüchten überwiegend keine Admins), kamen die berühmt-berüchtigten Relevanzkriterien auf. Diese funktionieren ganz gut um kurz und bündig für alle Zukunft zu klären, warum bspw. Musiker XYZ nicht in Wikipedia passt und regelmäßig dennoch entstehendes Geschrei eines im schlimmsten Falle tödlich beleidigten Selbstdarstellers kurz und scherzlos (wenn auch leider selten schmerzlos) abzuwürgen.

Das Problem der selbsternannten Bildungselite

Jetzt gibt es aber auch Themen, die nach Ansicht von „Brockhausianern“ in eine seriöse Enzyklopädie grundsätzlich nicht gehörten. Zu den Unseriosität verbreitenden Pfui-Artikeln gehören grundsätzlich Schulen, sofern sie nicht überregional in die Schlagzeilen gerieten oder sonst größere historische Bedeutung aufweisen. Kirchen (von den über jeden Zweifel erhabenen Hochschulen garnicht zu reden) hingegen sind für jeden Bildungsonkel seriös genug und im Gegensatz zu Schulen meist ohne quirlige Kinder, die im schlimmsten Fall ihr virtuelles Graffiti zu ihrer Schule in Wikipedia anbringen („Maren M. ich liebe dich. Dein Paul aus der 8b.“), weswegen Kirchenartikel in Wikipedia ungestört gedeihen.

Wieso komme ich gerade auf Schulen? Nun ich entdeckte neulich einen recht schlechten Artikel über das Gymnasium Eckental, der auch schon gleich einen Löschantrag hatte (wie überwiegend auch hier nicht von einem Admin gestellt). Zufällig kenne ich die Schule und versuchte den Artikel zu verbessern. Zu meinem Erstaunen fand ich in einer früher schoneinmal wegen mangelnder Relevanz gelöschten Version einen recht annehmbaren Artikel, dem noch ein paar Fotos und ein paar Drittquellen fehlten. Ich stellte diese passable Version also her, baute sie aus und versprach den Rest nachzuliefern. Dass das bei dünnen Webquellen nicht so schnell und bequem in 7 Tagen möglich ist, wie ich es zusammen mit anderen bei Softwareartikeln schaffe, sollte klar sein.

Da aber Schulen Kinderkram und somit nicht seriös genug sind, wohingegen ein (ohne Ironie!) interessanter Teufelstisch bei Igensdorf (ein paar Kilometer weiter), wohl schon allein aufgrund der Wertschätzung der Heimatforschung im Bildungsbürgertum niemals das Schicksal ereilen würde, dass er wegen mangelnder überregionaler Bedeutung gelöscht wird. Und die vielen gestrickten Legenden, die in der Regel die überregionale Bedeutung lokaler Naturdenkmäler wie der von vielen Ausflüglern besuchten Kasberger Linde ins rechte Licht rücken wollen und die gerne kolportiert werden, damit auch das letzte Dorf seinem Anspruch als Weltdorf gerecht wird, muss ich nicht erst noch extra erwähnen…

Folgen der Relevanzkriterien

Unmittelbare Folgen:

  • Verschiedenen Themen werden durch die Relevanzkriterien extrem unterschiedlich hohe Hürden gesetzt.
  • Die Relevanzkriterien arten für gewöhnlich durch Streit wie diesen in immer detailliertere Listen aus, die letztlich noch mehr Verwirrung stiften, weil dann jeder das zitieren kann, was seine Sicht zur Relevanz eines Themas stützt und man vor lauter Bäumen den Wald dann eh nicht mehr erkennt.
  • Durch Relevanzdiskussionen und immer neue Vorschläge für Relevanzkriterien wird sinnlos eine Menge Energie gebunden, die besser in Qualitätsverbesserung von Artikeln aufgehoben ist.
  • Ein Artikel wird sehr wahrscheinlich nicht verbessert, wenn einem prinzipiell mutigen Autor das Gefühl vermittelt wird, dass selbiger Artikel, egal wie sehr er sich anstrengt, eh irrelevant sei und der Autor sich aufgrund seines Engagements für diesen Artikel wohl aus bildungsfernen Schichten in die Gefilde der Relevanzgötter verirrt habe.
  • Mittelfristige Folgen:

  • Bereinigung der Wikipedia von einer Menge schlechter, aber auch guter Artikel.
  • Zementierung eines bestimmten unterdurchschnittlichen Qualitätsniveaus, da man meistens wenig Lust hat, in seiner Freizeit Stress zu suchen und sich von der Pflege solcher Themen fernhält.
  • Dauerhafter Verlust guter Autoren betroffener Themen, weil sie massiv behindert werden.
  • Lösungsvorschlag

  • Wikipedia lebt von der Qualität seiner Inhalte. Oberstes Kriterium muss daher die Qualität des Artikels sein und kein Relevanzgeblubber mit im schlimmsten Fall Serienlöschantrag plus das lahme Alibi „Relevanz aus dem Inhalt des Artikels nicht erkennbar“ (um der Form, aber nicht dem Inhalt nach, die Artikelqualität in den Mittelpunkt zu stellen).
  • Schaffung von Qualitätsanforderungen, die ein Artikel erfüllen muss. Jedem wird klar: „Mein Artikel kann es schaffen, niemand kann ihn mir grundsätzlich abspenstig machen. Ich muss ihn nur noch verbessern“. Und dennoch muss man nicht befürchten, dass Wikipedia mit unzusammenhängendem, wirren, abseitigen Kleinzeugs geflutet wird. Niemand kann mehr mit lahmen 08/15-Argumenten ernsthafte Löschanträge stellen, nur weil er das Thema nicht kennt und deswegen meint es wäre irrelevant. Schulen haben da eigentlich schon einen ganz guten Fragenkatalog mit ordentlicher inhaltlicher Hürde, wären da nicht die indiskutablen Relevanzkriterien für Schulen.
  • Zusammenstreichung der Relevanzkriterien bis auf Personen und Firmen und anderer Dinge, die durch ihre bloße Existenz als Wikipediaartikel ungebührliche Werbung für eine Personengruppe wären.
  • Ich bin deshalb so frei und werde die Relevanzkriterien (abgesehen von der Werbeausnahme) in Zukunft konsequent ignorieren und rufe jeden auf es mir gleichzutun und stattdessen den Fokus auf die Qualitätsverbesserung der Artikel zu legen. Es gibt viel zu tun.

    (Disclaimer: Wer meint er könne mit meinen Punkten einen Kauderwelschartikel vorm Löschen verteidigen hat nicht verstanden worum es geht.)

    Have fun.

    Von Zwergen und Riesen

    24. August 2006

    Manchmal reduziert sich alles auf die Frage ob nun etwas (zu) klein ist oder nicht.

    In Wikipedia kreuzt man gerne die Klingen über die Frage ob nun dieses oder jenes spezielle Etwas oder noch besser spezielle Jemand „enzyklopädiewürdig“ ist oder nicht. Gelegentlich engagieren sich dann im Falle von „Jemand“ auch die Personen über deren Relevanz man sich streitet gerne ausgiebig an der Debatte, was die Garantie für einen virtuellen Verkehrsunfall mit ner Menge Blechschaden ist.

    Nun stelle man sich mal einen Jemand vor, den man 76 Jahre lang gerne in der Mitgliedsliste des handverlesenen Clubs der „enzyklopädiewürdigen“ Personen führte und „plötzlich“ aus selbiger entfernt. An die dann fällige Kontroverse zwischen Freund und Feind der betreffenden Person angesichts der so lange geklärten Mitgliedschaft wollen wir lieber garnicht erst denken…

    Unmöglich? So lange können sich Wikipedianer nicht über so etwas Fundamentales streiten?

    Hm da gibt es eine im Vergleich zum ganzen Rest doch eigentlich über (vermeintliche oder auch echte) Klüngel und Ränkeschmiede erhabene Gruppe, die nun aber genau dies tat und einen Kandidaten, den sie selbst vor 76 Jahren in den elitären Club hineingehievt hatte, heute aus eben jenem Club rauswarf.

    Man muss aber auch mal deutlich unter der Hand raunen: Der in Ungade Gefallene ist ja auch noch obendrein das Oberhaupt einer ganz und gar verdächtigen Sippschaft. Da wäre einmal sein ebenfalls männlicher Lebensgefährte, der als Fährmann über den im ewigen Dunkel liegenden Styx arbeitet und noch seine bis vor kurzem geheimgehaltenen beiden (Adoptiv?!-) Kinder, die gerne nachts mit neunköpfigen Seeungeheuern spielen. Dass er selber der Chef der Unterwelt ist, fällt da schon fast nicht mehr ins Gewicht…

    Wurde Zeit, dass mal einer den Mut hatte, da einzuschreiten, sonst hätte der wohl noch den elitären Club unterwandert und konspirativ übernommen! Man munkelte schon, dass drei seiner vermutlich mehrere hundert Mitgliedern zählenden Clique kurz davor standen sich in den Club einzuschleichen und die ganze Horde zumeist dunkler Wanderer schon bereit war es ihnen gleichzutun. Zum Wohle unserer Kinder musste da eingeschritten werden! Jawohl!

    Genug der Fehme. Wie auch immer, jedenfalls gab’s auf der XXVI. Generalversammlung der IAU eine Woche lang „Wikipedia live“ mit öffentlichen Diskussionsbeiträgen, Editwars, Flames und Meinungsbildern… Experten (und eine Reihe „anderer“ Leute…) stritten erbittert um eine wie so oft scheinbar harmlose Frage:

    „Was ist ein Planet?“

    In bester Wikimanier wurde um jeden Punkt und jedes Komma erbittert gestritten und zum Schluss gab’s zwei Vorschläge und ein Meinungsbild mit klarem Ausgang:

    A „planet“ is a celestial body that: (a) is in orbit around the Sun, (b) has sufficient mass for its self-gravity to overcome rigid body forces so that it assumes a hydrostatic equilibrium (nearly round) shape, and (c) has cleared the neighbourhood around its orbit.

    Tja was ist nun die Folge? Es waren einmal neun Planeten, jetzt sind es nur noch acht. Der Jetzt-Explanet Pluto ist zwar ziemlich rund, kreuzt aber dummerweise die Bahn von Neptun und ist auch sonst nicht wirklich dominant in seiner Nachbarschaft. Somit wurde er nun nach 76 Jahren aus dem Club der Planeten in den separaten Club der Zwergplaneten abgeschoben:

    A „dwarf planet“ is a celestial body that: (a) is in orbit around the Sun, (b) has sufficient mass for its self-gravity to overcome rigid body forces so that it assumes a hydrostatic equilibrium (nearly round) shape, (c) has not cleared the neighbourhood around its orbit, and (d) is not a satellite.

    Pluto is a „dwarf planet“ by the above definition and is recognized as the prototype of a new category of Trans-Neptunian objects. All other objects, except satellites, orbiting the Sun shall be referred to collectively as „Small Solar System Bodies“.

    Ein Kollateralschaden war dann auch der Planetenmerksatz:

    Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten.

    Also diesen Lösungsvorschlag für einen neuen Merksatz find ich ja noch verbesserungswürdig:

    Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere Nachbarplaneten.

    Das muss sich doch noch etwas schöneres finden lassen zum Wohle der Kinder die das auswendig lernen sollen. Wenigstens ist es kein Merkaufsatz mit wohl bald so um die 200 Wörtern geworden… Die armen Kinder die den hätten auswendig lernen sollen.

    Jetzt schau ich aber mal, ob die schnellste Enzyklopädie der Welt nach der Bloggerei überhaupt noch Arbeit übrig gelassen hat, sonst muss ich noch zur Konkurrenz…