Google und die Moral von der Offenheit

Google macht ja gerne ein ziemliches Geheimnis um seine Suchalgorithmen um Missbrauch und/oder die liebe Konkurrenz zu unterbinden, so auch bei seinem neuesten Streich zur Trockenlegung der Google-Bomben.

Als ich neulich in Spiegel-Online einen Artikel über die „Abschaltung“ der Google-Bomben las, war ich mir relativ sicher, dass hinter der Neuerung ein ziemlich primitiver Algorithmus steckt. Angesichts eines neuen Artikels zum Thema Google-Bomben in Spiegel-Online, bei dem es um den Tallinner Bürgermeister Jüri Ratas geht (dessen Nachname auf Estnisch soviel wie „Rad“ bedeutet und weshalb er von seinen Gegnern gerne mit „Ersatzrad“ und anderen Kosenamen bezeichnet wird) bin ich mir nur sehr sicher, dass es genau dieser Algorithmus ist. Ich hatte deswegen dem Autor des Artikels in Spiegel-Online (der technisch auf der falschen Fährte liegt) einen Leserbrief geschrieben, der vielleicht auch den einen oder anderen interessieren könnte:

Zunächst ein wenig technisches Vorgeplänkel:

Ein Weblink besteht aus einem Ziel (der eigentlichen URL) und dem Alternativtext der auf das Ziel verweist. Wenn man also wie im beliebten „miserable failure“-Beispiel den Text „miserable failure“ mit dem Ziel „whitehouse.gov“ verknüpft, dann wird von Googles Pagerank-Algorithmus dieser Texbegriff mit dem Weißen Haus in Washington assoziiert.

Normalerweise stimmt das ja auch: Ein Alternativtext beschreibt ein Ziel und versieht es somit mit einer inhaltlichen Klassifizierung, welche für Suchmaschinen sehr nützlich ist. Nur hatte man da eben nicht an erfindungsreiche Scherzbolde gedacht, die willkürliche Zuschreibungen damit vornehmen könen.

Googles neuer Algorithmus

Googles neuer Trick um das Problem der falschen Assoziation zu lösen ist ganz einfach: Befindet sich der Begriff mit dem das Ziel verknüpft wird auf der Zielseite, so handelt es sich nicht um eine falsche Zuschreibung, sondern um eine korrekte. Befindet sich der Begriff nicht auf der Zielseite, so wird er verworfen.

Das erklärt auch warum Webseiten, die über das Thema Google-Bombe berichten, nun die ersten Treffer sind, wenn man eine solche in Google eingibt: Sie sind in der Regel massiv verlinkte Nachrichtenseiten und der gesuchte Begriff kommt zwangsläufig sehr häufig im Text vor.

Dieser Algorithmus beinhaltet übrigens eine innere Logik mit G’schmäckle: George W. Bush muss auf seinen Webseiten nur weiterhin formvollendet wie bisher leugnen, dass er nun ja miserable Fehler begangen hat. Er selber würde dadurch niemals direkt mit seinen Fehlern verknüpft werden und seine eigene Realität schaffen… Aber auch das ist nichts neues unter der Sonne, das wussten schon die Sophisten.

Google-Bomben der 2. Generation…

Der Grund warum Tallinns Bürgermeister immer noch von Google-Bomben getroffen werden kann ist nun auch klar: Textbestandteile der Links von Dritten befinden sich auf seiner Webseite, weil sie seinen im Estnischen zu Wortspielen geeigneten Nachnamens „Ratas“ enthalten. Für den Algorithmus von Google, der nur Wortketten vergleicht schauen somit diese Begriffe wie eine korrekte Assoziation aus.

Ich bin mir sicher, dass man auch im Deutschen eine Googlebombe nach dem Strickmuster bauen kann: „Aufgemerkelt“ als Linkbegriff für Angela Merkel, „Deutschlands größte Kohlonie“ mit Helmut Kohl verbinden, „Kaine Ahnung“ mit Kai Diekmann… Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die Moral von der Geschicht‘

Algorithmen können ziemlich mächtige Werkzeuge sein nur muss man verdammt gut aufpassen, dass sie politisch gespochen nicht zu einem Wettrüsten oder biologisch gesagt nicht zum Rote-Königin-Regime oder mehr literarisch ausgedrückt zum Hase-und-Igel-Problem führen.

Ein Algorithmus der es nötig hat geheim zu bleiben, damit er funktioniert ist immer für dieses Problem anfällig. Früher oder später wird die Schwachstelle gefunden und die Spirale von Abwehr und Angriff dreht sich weiter… Im Grunde genommen also dasselbe Argument wie bei Verschlüsselung. Der sicherste Algorithmus ist der der offen ist und den kreativen Angriffen der Öffentlichkeit standhält.

Eine Antwort to “Google und die Moral von der Offenheit”

  1. Blogabfertigung Nürnberg Says:

    Sehr gute Erklärung, danke

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